Demografischer Wandel als Innovationsmotor und die Macht von Big Data

Eine alternde Gesellschaft, die vor stetig wachsendem Kostendruck steht. Das ist eine Herausforderung im Gesundheitswesen, auf die IT-Lösungen eine Antwort geben können und werden. Das Versprechen: eine deutliche Kostenersparnis bei verbessertem Leistungsniveau. Hier einige der jüngsten Trends für die Branche.

„E-Health“. Was für ein Begriff – trendy, hip, nichtssagend? Wie auch immer man es nennen mag, viel darunter vorstellen können sich die meisten nicht. Und seien Sie mal ehrlich: Erwischen Sie sich nicht auch gerade beim Augenrollen oder denken: „Welche Marketingabteilung hat sich das denn nun wieder ausgedacht?“. Zum Glück steckt mehr dahinter, als man vermutet.

Es ist die Lösung für eine Gesellschaft, die immer älter wird. In der jeder durchschnittlich immerhin 18-mal pro Jahr einen Arzt aufsucht – also fast zweimal pro Monat. Deutschland belegt in dieser Hinsicht wahre Spitzenpositionen. Das bedeutet übrigens, dass jeder Arzt in Deutschland ungefähr 45 Patienten täglich zu betreuen hat. Im Klartext: Bei einer Gesamtzahl von 140.000 Ärzten bleiben pro Patient noch ganze acht Minuten Behandlungszeit. Klingt nach wenig? Das ist es auch.

Gesundheit, Wohlbefinden, Versorgung – das alles sollen Ärzte, Krankenhäuser und Versicherungen leisten. Selbstverständlich für möglichst wenig Geld. In Papierform? Sicherlich nicht. Mit unendlich viel Zeit für jeden einzelnen? Wie oben schon erwähnt: leider nicht.

Zeit ist Geld. Auch im Gesundheitswesen. Es wurde spät, aber doch, erkannt – auch hier muss es sich rechnen. Aufzuhalten ist diese sogenannte Verwirtschaftlichung, Rationalisierung oder „Optimierungswut“ allerdings nicht. Denn sie ist notwendig, vor allen Dingen überfällig – und sie kann Gutes bringen und unserem Gesundheitssystem zu einem Aufschwung verhelfen.

Die zunehmende Bedeutung von Gesundheit in unserem Alltag braucht keinerlei weitere Erklärung, sie ist selbstverständlich. Nicht nur, wenn es um unser persönliches Wohlbefinden geht, sondern insbesondere dann, wenn wir mit Diagnosen konfrontiert werden, die unser Leben von Grund auf verändern. Die Frage: „Was nun?“ schwebt allgegenwärtig im Raum. Der erste Schritt der meisten Betroffenen: Informationsbeschaffung. Die traditionellen Informationsquellen (Broschüren, Apothekenzeitungen, etc.) sind allerdings einer weitaus Mächtigeren gewichen: dem Internet. Die Ausnahme ist zur Regel geworden, denn viele Patienten beziehen ihre gesundheitsbezogenen Informationen heutzutage fast ausschließlich aus dem Internet. Sie nutzen dazu spezielle Portale, Foren oder Webseiten.

Wir fangen an, „Dr. Google“ mehr zu vertrauen als unserem eigentlichen Arzt

Vor allem die Interaktivität dieser Seiten bietet einen großen Mehrwert: Der Patient der Neuzeit, der sogenannte E-Patient, will involviert werden. Er gibt sich nicht mehr damit zufrieden, von seinem Arzt mit Fachbegriffen bombardiert zu werden, sondern er will verstehen, was mit ihm passiert. Wenn wir uns verstanden fühlen wollen, neigen wir meist dazu, uns mit Gleichgesinnten zusammenzutun. Wir stehen auf Augenhöhe miteinander, können uns einfach und vor allem anonym austauschen und sind vernetzt. Genau das bieten diese Plattformen und es kommt zu etwas Kuriosem: Wir fangen an, „Dr. Google“ mehr zu vertrauen als unserem eigentlichen Arzt. Es entsteht eine Bindung, eine gewisse Vertrautheit unter den Schreibern und Lesern dieser Foren. Eine Vertrautheit, die mit dem behandelnden Arzt, aufgrund von Faktoren wie Zeitmangel oder der fehlenden Anonymität und einer damit verbundenen ganz natürlichen Scham, in dieser Form oft nicht möglich ist.

Durch Daten zum E-Patienten

Dem E-Patienten eröffnen sich aber natürlich noch ganz andere Möglichkeiten. „Mobile“ ist ein Trend, der gar nicht mehr wegzudenken ist und nun auch das Gesundheitswesen erobert. Apps, die bisher lediglich dafür verwendet wurden, Schweine mit explodierenden Vögeln zu bombardieren, zeigen nun, was noch in ihnen steckt. Sich unterwegs in der U-Bahn Krankheitsbilder erklären und in 3D-Animatio- nen veranschaulichen lassen oder sogar seinen Bluthochdruck mit dem iPhone messen? Kein Problem mehr. Sei es das Management einer Krankheit oder der Einsatz im Bereich der häuslichen Therapie – Gesundheits-Apps für Smart- phones sind auf dem Vormarsch und nicht mehr zu stoppen.

Es gibt Geräte, beispielsweise von Vita- Dock, die es den Patienten ermöglichen, ihre Glucosewerte, ihren Blutdruck, ihre Temperatur oder sogar ihr Körpergewicht über ein iPhone zu messen. Diese Daten werden dann gesam- melt und synchronisieren automatisch mit dem Computer. Unfassbar, aber wahr: Es ist sogar eine dermatologische Beratung via iTunes möglich. iDoc24 hat ein Tool entwickelt, bei dem man ein Foto seines eigenen Hautbildes sofort diagnostizieren lassen kann.

Die Vernetzung und Zusammenführung all dieser Daten ist nicht ausschließlich für den Patienten nützlich, der einen Überblick über seine Gesundheitswerte behalten kann, sondern auch für Ärzte und Krankenhäuser. Die Digitalisierung soll nicht nur dabei helfen, Informationen zu sammeln und ständig abrufbar zu machen, sie kann noch viel mehr bewirken. Ein kontinuierliches Monitoring kann präventiv dafür genutzt werden, dass gewisse gesundheitliche Probleme früher als üblich erkannt werden oder im Bestfall gar nicht erst entstehen können. Bei einer frühen Erkennung können oft einfachere und kostengünstigere Therapiemöglichkeiten angeboten werden. Ein Beispiel: Bevor es tatsächlich zu einem Herzinfarkt kommt, kön- nen im Vorfeld Maßnahmen getroffen werden, beispielsweise eine entsprechende Medikation, die wesentlich kostengünstiger als eine Operation sein kann.

Die elektronische Patientenakte

Die magischen Worte „Vernetzung“ und „Digitalisierung“ ziehen sich wie ein roter Faden durch das Gesundheitswesen und machen selbst- verständlich auch vor Arztpraxen und Kranken- häusern keinen Halt. Sowohl klinische als auch betriebswirtschaftliche Prozesse in Krankenhäu- sern wurden innerhalb der letzten Jahre kontinuierlich digitalisiert. Zunehmend wird anstelle von herkömmlicher Papierdokumentation auf eine Elektronische Patientenakte (EPA) gesetzt. Die meterhohen, bisher auf den Schreibtischen wartenden Aktenstapel verschmelzen zu digi- talen, zentral gesammelten Informationen. Sie sind immer und überall abrufbar: sowohl vom behandelnden Arzt als auch von der Krankenkasse, aus der Praxis oder von unterwegs. Die Prozesse zwischen allen Leistungsträgern und -erbringern werden automatisiert. Das spart unglaublich viel Zeit. Der Weg zu dieser oder jener Stelle, weil in der Akte Dokumente oder ähnliches fehlen, ist Geschichte. Funktioniert alles wie eine Cloud. Das nennt man wohl schlanke Unternehmensführung.

Dermatologische Beratung via iTunes

Aber das ist nicht alles. Ärzte können ihre Diagnosen mit Hilfe von visuellen Hilfsmitteln, die z.B. auf Tablet-PCs abgespielt werden, an- schaulicher und verständlicher erklären. Auch sogenannte E-Detailings, also multimediale Präsentationen zu Medikamenten, deren Wirkstoffen und aktuellen Studien, sollen es leichter für den Patienten machen, seine Behandlung und alles, was damit verbunden ist, nachzuvollziehen.

Die Digitalisierung führt sogar so weit, dass Online-Konsultationen zwischen Patienten und Ärzten möglich sind. Man muss sich also nicht einmal im selben Raum, geschweige denn auf dem gleichen Kontinent befinden. Der CEO von American Well, Roy Schoenberg, sagte dazu:

„Gesundheit wird dahin gehen, wo der Patient ist. Nicht andersherum.“

Es geht darum, für jeden einzelnen, sei es der Patient, die Versicherung oder der Arzt, den größtmöglichen Mehrwert zu schaffen. Weniger Bürokratie und unnötige Bearbeitungszeiten, dafür vereinfachte Prozesse, vernetzte Daten und besserer Service. Hierfür ist der Umgang mit Informationen und Gesundheitsdaten entscheidend. Daten müssen wirkungsvoll genutzt, gepflegt und beherrscht werden, denn nur so können Maßnahmen für eine bessere Gesundheitsversorgung abgeleitet werden.

Von der elektronischen Krankenakte bis hin zu der Vernetzung in Krankenhäusern oder Gesundheits-Apps: E-Health ist unverzichtbar geworden. Eine Digitalisierung des Gesundheitswesens wird nicht nur die Qualität des besagten, sondern insbesondere dessen Wirtschaftlichkeit und Effizienz auf die nächste Stufe bringen.

Autor: Luisa Schirm ist Mitglied bei der studentischen Unternehmensberatung Berliner Campus Projekt e.V. in Berlin. (luisa.schirm@bcpro.de)