Eine Kurzanleitung, um Entscheidungen zu treffen

Links oder Rechts, Hipster oder Gangster, Bahncard oder Carsharing. Statussymbole haben keine Bedeutung mehr, Netzwerke sind wichtiger als Freundschaften und beim Kanzlerduell ist #schlandkette irgendwie wichtiger als die Auseinandersetzung mit den beiden Kandidaten.

Wie kann man in diesem Land der 1000 Möglichkeiten keine Wahl mehr haben? Die Industrienationen bieten dem Durchschnittsbürger einen Wohlfühlraum der Extraklasse, aber dennoch steht diese Generation scheinbar vor dem Nichts. Die Leichtigkeit des Seins verbannt Sie dazu unschlüssig zu sein. Links oder Rechts, Hipster oder Gangster, Bahncard oder Carsharing. Statussymbole haben keine Bedeutung mehr, Netzwerke sind wichtiger als Freundschaften und beim Kanzlerduell ist #schlandkette irgendwie wichtiger als die Auseinandersetzung mit den beiden Kandidaten.

Was bedeutet das für unsere Demokratie? Die Piratenpartei, die Partei der Jugend, steht schon wieder vor dem Abgrund und wird wohl nicht in den Bundestag einziehen. Die Parteigrößen der Piraten, falls es diese jemals gab, folgen den Spitzenpolitikern der etablierten Parteien und treten reihenweise zurück, aber Bücher schreiben Sie natürlich trotzdem über „Wir nennen es Politik.“. Will überhaupt noch jemand Verantwortung übernehmen in diesen Zeiten? Wenn dann sind es wohl Einzelne, die sich bemühen sich zu engagieren. Und dann steht der junge Mensch wieder vor der Situation scheinbar keine Wahl zu haben. Besser „Einen als Keinen“ oder auch „Einer muss es ja machen“. Meine Verantwortung ist nur meine Wahl und die habe ich ja nicht, also muss ich auch keine Verantwortung übernehmen, wenn ich einfach dafür bin. Einfach mal dafür sein, ist ja auch irgendwie einfacher als dagegen, wenn man keine Wahl hat. So sieht Sie also aus, die Herrschaft des Volkes. Muss nur einer mal kommen, der keine guten Absichten hat, das Volk wird’s nicht stören, gibt ja keine Alternative.

„Schwimmen zwei junge Fische des Weges und treffen zufällig einen älteren Fisch, der in die Gegenrichtung unterwegs ist. Er nickt ihnen zu und sagt: »Morgen, Jungs. Wie ist das Wasser?« Die zwei jungen Fische schwimmen eine Weile weiter, und schließlich wirft der eine dem anderen einen Blick zu und sagt: »Was zum Teufel ist Wasser?«“ Mit dieser Parabel beginnt David Foster Wallace 2005 seine legendäre Rede „This is water“. Während Wallace noch erreichen wollte, dass den Menschen klar wird, dass es darum geht „Denken zu lernen“, muss man sich heute fragen ob sie nicht auch handeln lernen müssen. Im unternehmerischen Kontext stellt metamorphosis immer wieder Personen vor, die genau dies tun. Aber gilt das auch für die Politik? Gilt das auch für Bereiche in denen es darum geht etwas für die Gesellschaft zu tun, für die Gemeinschaft?

„Die wirklich wichtige Freiheit erfordert Aufmerksamkeit, und Offenheit und Disziplin und Mühe und die Empathie, andere Menschen wirklich ernst zu nehmen und Opfer für sie zu bringen, wieder und wieder, auf unendlich verschiedene Weisen, völlig unsexy, Tag für Tag. Das ist wahre Freiheit. Das heißt es, Denken zu lernen.“ Wallace verbindet zum Ende seiner Rede hin Denken mit Handeln. Wer in der Lage ist sich Gedanken zu machen, der ist in der Lage zu wählen und vielleicht kann auch der, der in der Lage ist zu wählen, sich fragen ob er sich auch zur Wahl stellen kann. Sich zur Wahl stellen heißt, seine Ideen zur Wahl stellen, seine Überzeugung zur Wahl stellen und seine Zeit und Arbeitskraft zur Wahl stellen. Den Massenmedien die Wahl zu geben, ob und wie Sie darüber berichten und der Gesellschaft das Gefühl zu geben, auch die Wahl zu haben, dagegen zu sein. Das macht dann plötzlich auch wieder Spaß, wenn man die Wahl hat. Denn der andere Kandidat hätte es eventuell im Nachhinein ja doch besser gemacht, hätte man ihn gewählt. Hätte, hätte Fahrradkette…
Ein Teufelskreis der mit oder ohne Wahl ein Teufelskreis bleibt. Aber ob man wählt oder nicht wählt wird immer eine Wahl bleiben.

 

Autorin: Sabrina Schell