Mit dem 1998 gestarteten Copernicus Programm erlaubt die Europäische Weltraumorganisation ESA und EU Erdbeobachtung in Echtzeit. Die Daten sind auch für den privaten Sektor zugänglich.

Schick machen für den großen Auftritt

Er sieht sehr unscheinbar, ja auch etwas unförmig aus. Der Sentinel-3A Satellit ist eine dunkelgraue Box, auf der an einer Seite ein Arm herausragt. Der Arm trägt drei Solar-Paneele welche im Weltraum für die nötige Energieversorgung verantwortlich sind. Er ist auf dem Weg ins russische Plessezk, wo er am 16. Februar 2016 die Reise in das Weltall antreten soll. Nicht nur seine Erbauer sind nervös. Für das Team im Kontrollzentrum ESOC in Darmstadt hat die kritische Phase gerade erst begonnen. Die Aufgabe der Physiker und Ingenieure wird es sein 100 Tonnen Treibstoff unter der teuren Fracht kontrolliert zur Explosion zu bringen. In 80 Minuten soll Sentiel-3A dann seinen Orbit in 815 km Höhe erreichen.

Der Fotograph aus dem Weltall

Für die nächsten 7 bis 12 Jahre wird Sentinel-3A ununterbrochen Fotos von der Erde machen und sie in Echtzeit an die ESA übertragen. Augenmerk der Sentinel-3 Satelliten ist dabei die Beobachtung der Ozeane. Dabei unterstützt werden soll Sentinel-3A von Sentinel-3B welcher noch folgt. Einen Plan für den Start des zweiten Erdtrabanten liegen jedoch noch nicht vor. Mit jedem Foto decken die Kameras einen Streifen der Länge 1270 km ab. Das entspricht der Autobahn A9 – hin und zurück. Alle 10 Tage (mit zweitem Satelliten 5) sollen dabei neue Bilder von jedem Punkt der Erde vorliegen.

Das Copernicus Programm und Sentinel

Insgesamt soll das fertige Programm Copernicus drei Satellitenpaare beinhalten. Sentinel-1, -2 und -3. Bereits im All und funktionsbereit sind allerdings lediglich Sentinel-1A und Sentinel-2A. Zu einem späteren Zeitpunkt sind auch noch die Missionen Sentinel-4, -5 und -6 geplant. Die unterschiedlichen Module sind nötig, da ein breites Spektrum der Erdbeobachtung abgedeckt werden soll. Ziel der Mission ist langfristig eine moderne Infrastruktur zur Erdbeobachtung zu schaffen. Die gewonnenen Daten und Erkenntnisse sollen unter anderem der politischen Entscheidungsfindung dienen. Anders als vergleichbare Systeme anderer Länder jedoch zeichnet sich das Copernicus Programm durch seine Offenheit aus. Die Satellitendaten sind nicht der Politik vorbehalten, sondern können auch von Forschern oder privaten Personen genutzt werden. Dies stellt eine wahre Revolution im Umgang mit Weltraumtechnologien dar.

Ein kleiner Schritt für die private Weltraumtechnologie

Derzeit gibt es sicherlich ein großes mediales Interesse an den privaten Raumfahrtunternehmen von Jeff Bezos, Richard Branson und Elon Musk. Lange Zeit davor gab es aber schon eine große private Weltraumindustrie. Diese war meist für den normalen Bürger unsichtbar, da sie sich auch Mitteln von Staat und Militär finanzieren musste. Erst seit ein paar Jahren steht die Welt vor einem Paradigmenwechsel. Durch den Einzug von Weltraumtechnologien in das Privatleben können potentiell Veränderungen freigesetzt werden wie durch das Internet. Das geht dabei weit über die Möglichkeiten der Raumfahrt und Raumerkundung hinaus. Auch die USA starteten einst als staatlich subventionierte Erkundungsmission. Konventionelle Satelliten als offenes Ökosystem haben bereits das Potential viele Industrien zu verändern.

Möglichkeiten durch die Erdbeobachtung

Ein Fallbeispiel der Erdbeobachtung ist sicherlich die Sicherheitsindustrie. Objekte können so aus einer großen Distanz ganzheitlich überwacht werden. Doch die Möglichkeiten hierauf zu beschränken wäre zu kurz gedacht. Schon derzeitige Fälle schließen das überwachen von Agar- und Forstgebieten ein. So lässt sich algorithmisch beispielsweise sofort ein möglicher Parasitenbefall erkennen. Auch in der Versicherungsbrache ist Satellitenüberwachung längst Standard. Für jedes beliebige Objekt können mittels Umgebungsanalysen Risikofaktoren erkannt und eliminiert werden. Seit kurzem nutzt außerdem Google Satellitendaten um die Wirtschaftlichkeit von Solaranlagen an jedem beliebigen Standort vorherzusagen.

Fallbeispiel Bauindustrie

An dem Beispiel des Münchener Start-ups „Building Radar“ lässt sich erkennen welches Potential in der neuen Technologie steckt. Die Gewinner der Copernicus Challenge nutzen die Satellitendaten um den Fortschritt von Bauprojekten zu beobachten. Dies ist eine wertvolle Information für Gebäudeausstatter und Dienstleister. Die bisherige Methode den Baufortschritt festzustellen war dabei zur Baustelle zu fahren und sich mit eigenen Augen ein Bild von der Lage zu machen. Building Radar hat einen Algorithmus entwickelt der diese Aufgabe mithilfe der Satellitenbilder durchführen kann. Dadurch kann das Unternehmen jede Woche, jede Baustelle der Welt virtuell inspizieren und seinen Kunden topaktuelle Daten bieten.

Gebt uns mehr Satelliten!

Die nun bald drei europäischen Satelliten sind ein guter Anfang. Jedoch sind die verfügbaren Rohdaten nur umständlich zu verwenden und müssen technisch von jedem Nutzer angepasst werden. Dazu sind für die Anforderungen der meisten Anwendungsfälle kluge Kniffs nötig um mit dem verfügbaren Datenbestand gute Ergebnisse zu erzielen. Um Innovationen zu fördern und zu erleichtern müssen Daten möglichst sofort möglichst über alle Frequenzen vorliegen. Noch viel wichtiger ist ein einfacher Zugang zu den Daten um Programmierern und Pionieren die Arbeit zu erleichtern.

Über den Autor:
Bastian Burger ist Physiker und derzeit als COO bei dem Tech Start-Up Building Radar tätig. Während seines Studiums war er studentischer Unternehmensberater bei Academy Consult München e.V.. Er sammelte Erfahrungen in München, London und Istanbul.