Ideen ohne Grenzen: Ein Londoner Start-up baut soziale Netzwerke – für Banken 

Wer eine Milliarde US-Dollar für ein Unternehmen bezahlt, das eine App produziert, die Hipstern ermöglicht Polaroid- Effekte über ihre iPhone-Fotos zu legen ohne sein eigenes Board zu fragen und dabei von einem Meilenstein spricht ist entweder größenwahnsinnig, oder hat ganz einfach Geld. Zugriff auf mehr als zehn Prozent der Weltbevölkerung, 250 Millionen hochgeladene Fotos täglich, zwei Milliarden US-Dollar Umsatz, erwarteter Börsenwert 100 Milliarden US-Dollar. Als Facebook im Mai 2012 an die Börse ging, war das die heißeste Wette für Investoren seit Google. LinkedIn: 150 Millionen Nutzer, über 500 Millionen US- Dollar Umsatz im vergangenen Jahr, zehn Milliarden US- Dollar Marktkapitalisierung. You know the maths. Der wirtschaftliche Fußabruck sozialer Netzwerke ist gigantisch. Willkommen in der vernetzten Welt.

Doch nicht nur Investmentbanker schenken sozialen Netzwerken aktuell viel Beachtung. Facebook und Co haben unser Kommunikationsverhalten radikal verändert. 57 Prozent aller US-Amerikaner kommunizieren häufiger und vor allem intensiver im Internet als im wahren Leben. Sie tauschen sich aus, sie folgen Trends, entwickeln Meinungen. Soziale Netzwerke sind wahre Biotope um Ideen zu teilen. Sie verbreiten und vermehren sich in sekunden-schnelle um den Globus oder werden ähnlich schnell von tausenden Nutzern diskutiert, wandeln sich, oder sterben aus. Telefone, E-Mails? Wenn Nachrichten in Sekunden global per Twitter verfügbar sind, sind sie nur eines: zu langsam, zu aufwendig, zu langweilig.

Für Unternehmen, die in einer zunehmend unstabilen Welt nach maximaler Flexibilität und neuen Ideen suchen sind sie daher ein interessantes Medium um Mitarbeiter zu vernetzen. Austausch, der sonst in Meetings, auf dem Flur oder über das Telefon stattfindet wird kanalisiert und großen Gruppen zugänglich gemacht. Seit Anbeginn des Internetzeitalters haben insbesondere projektbasierte Organisationen wie Unternehmensberatungen versucht, ein virtuelles kollektives Gedächtnis aller Mitarbeiter zu schaffen. Nach millionenschweren Implementierungen von Intranets, Wikis, virtuellen Communities of Practice und Foren, zeigt sich jedoch häufig eines: es bringt nichts. Der Umgang mit den Plattformen ist häufig aufwendig, die Technik veraltet, Layouts wenig ansprechend. Meinungsaustausch in dieser Form ist schlichtweg unsexy und wird kaum zur alltäglichen Routine. Interne Diskussionen und potentielle Firmengeheimnisse mit den Servern von „Big Brother“ Facebook zu teilen ist dabei jedoch für kaum ein Unternehmen eine Option, zumal der richtige Umgang mit Privatssphäreeinstellungen und Datenschutz für viele außerhalb der Generation Y weiterhin eine Blackbox ist.

Das Konzept von Idea Plane ist simpel. Alles besser als die Konkurrenz machen.

Angetrieben von zwei Alumni der University of Cambridge versucht das Londoner Startup IdeaPlane endlich die Lücke zwischen Social Media und Unternehmen zu schließen. Als Brücke dienen dabei sogenate Enterprise Social Networking (ESN) Produkte. Was zunächst aussieht wie Facebook in anderem Gewand – es gibt Gruppen, Twitter-ähnliche Status-Updates und Blogs – soll jedoch nicht weniger als die Zusammenarbeit innerhalb und zwischen Unternehmen revolutionieren. Gründer James Fabricant brachte dabei aus seiner Zeit als Teil des internationalen Managementteams von MySpace das notwendige Wissen mit. Er weiß wie man Menschen erfolgreich vernetzt. IdeaPlane positionierte er speziell als Anbieter für stark regulierte Industrien. Zu den ersten Kunden gehörten zwei der weltweit größten Investmentbanken in der Londoner City. Die Idee ist nicht vollkommen neu, auch das Konzept von IdeaPlane und seiner ESN-Plattform IdeaPlane Kinetic ist vermeintlich simpel. Alles besser als die Konkurrenz machen. Besser beobachten, besser vernetzen, besser strukturieren, besser schützen, besser aussehen. Für den einzelnen Nutzer äußert sich dieser Anspruch insbesondere in der Usability. Das Design bedient sich bei Twitter und LinkedIn und hebt sich damit deutlich vom häufig recht tristen Layout eines klassischen Intranets ab. Soziologische Graphen helfen sein eigenes Netzwerk abzubilden und die Informationssuche zu vereinfachen, Nutzer werden ähnlich einer Dating-Website einander anhand ihrer gemeinsamen Interessen vorgestellt.

Als zusätzliche Verkaufsargumente dienen Implementierungsberatung beim Kauf und eine individuellen Anpassung der Software an die Bedürfnisse der Großkunden. Im Kampf um die Talente unserer Generation, für die Status-Updates regelmäßiger als Zähneputzen gewor- den sind, bietet IdeaPlanes Plattform außerdem eine Online Recruiting Funktion und ermöglicht es andere Stakeholder wie Kunden, Alumni und externe Organisationen Teil der Konversation werden zu lassen. Mit seinem besonderen Fokus auf die Finanzindustrie hat sich das Unternehmen jedoch ein Problem geschaffen. Die Sicherheitsstandards in Investmentbanken haben das Niveau von Geheimdiensten, die Angst vor dem Verlust oder der Offenlegung vertrauli- cher Informationen ist gigantisch. IdeaPlane begegnet diesen mit sogenannten „ChineseWalls“, die eine präzise Definition und Beschränkung von Nutzerrechten zulassen. Der Schutz des geistigen Eigentums ist für viele Unternehmen eine Kernfrage bei der Implementierung von ESN-Lösungen. Wenn Unternehmen bereits Flure mit Codes sichern, um Mitarbeiter unterschiedlicher Abteilungen voreinander zu schützen, ist der Grat zwischen der Verhinderung des Missbrauchs von Informationen und der Einschränkung offener und transparenter Kommunikation und Diskussion häufig sehr schmal. Werden Information zentral gesammelt und von einer großen Anzahl von Personen gesichtet, ist es essentiell immer den Überblick zu behalten.

ESN-Plattformen müssen auf Unternehmen zugeschnitten sein – wie ein maßgeschneidertes Kleidungsstück

Auch weiche Organisationen beeinflussen als zentrale Treiber soziale Netzwerke, ganz gleich ob persönlich oder virtuell. ESN-Plattformen müssen auf Unternehmen zugeschnitten sein wie ein maßgeschneidertes Kleidungs- stück. Generell gilt daher, dass ESN-Implementierung auch immer Change-Management ist. IT-Beratungshäuser wie Capgemini oder Accenture verkaufen das Thema als „digitale Transformation“, die Realität muss sich der virtuellen Umwelt anpassen um Synergien zu erzeugen. Was mit der „lernenden Organisation“ als Maxime der Managementfor- schung begann, ist heute die „Borderless Organisation“. Un- ternehmen sind nicht länger eine Ansammlung von Fabri- ken und Bürogebäuden. Auch gemeinsame Werte und eine einende Kultur sind nicht länger ausreichend um ein Unter- nehmen zu definieren. Unternehmen sind virtuelle Konst- rukte geworden – ein global umspannendes Netzwerk zwischen Mitarbeitern, Klienten und anderen Stakeholdern. Gefüttert durch Social Capital, verbunden durch das Medium, das alles bietet, das Internet. „Entdecke die Möglichkeiten“ bekommt dabei eine völlig neue Bedeutung. Kollabora- tion, die IdeaPlane als eine der Kernfaktoren seines Produkts anpreist, kann aber nur dann erreicht werden, wenn die Ideen und Einstellungen seiner Nutzer ebenso grenzenlos sind wie seine Technologie. Silodenken kann die Möglichkeiten des Mediums rasant verpuffen lassen, wenn Austausch nur innerhalb des kleinsten Kreises an Vertrauten stattfindet.

Sind wir tatsächlich bereit unser persönliches Wissen mit Fremden zu teilen?

Somit ist auch der Erfolg von IdeaPlane von externen Faktoren abhängig und von der Frage: Sind wir tatsächlich dazu bereit unser persönliches Wissen mit Fremden zu teilen? Denn Banken sind nicht Wikipedia. Komplex ist außerdem die Verbindung zwischen Quantität und Qualität des Austauschs. Ist reden wirklich Gold? Soziologen sind überzeugt, dass mehr zu kommuni- zieren auch bedeutet besser zu kommunizieren. ESN-Plattformen erzeugen jedoch wenig Mehrwert, wenn sie zu einem internen Substitut für facebook werden. Letztlich entscheidet der Inhalt einer Konversation über ihr Ergebnis und nicht ihre Länge oder Frequenz. Wenn Mitarbeiter ein Tagebuch in Form von Status-Updates führen (8:00 Uhr: Schwimmen im Hotelpool; 8:20 Uhr: Grapefruit und Müsli zum Frühstück; 9:30 Uhr: Flug nach New York hat schon wieder Verspätung) hat ein Unternehmen eine globale Projektionsfläche der Eitelkeiten eingekauft, aber keine Plattform für wertschaffenden Gedankenaustausch.

Sein bisheriger Erfolg scheint James Fabricant, seiner Vision und IdeaPlane jedoch Recht zu geben. Bald will das Unternehmen von London nach Frankfurt expandieren, um auch auf Europas zweitgrößtem Finanzmarktplatz um Kunden zu werben und tatsächlich grenzübergreifende Brücken in Unternehmen zu bauen. Es hat den Schritt in Richtung virtueller Teams, ständiger Konnektivität und globalem Gedankenaustausch genutzt und unterstützt. Bewerben, austauschen, zusammenarbeiten, Gemeinschaften bilden. An einem Ort und doch global. Willkommen in der vernetzten Welt.

Autor: Paul Quick ist Mitglied bei der studentischen Unternehmensberatung Company Consulting Team e.V. in Berlin. (paul.quick@cct-ev.de)