Die Anbindung Afrikas an den Rest der Welt

Ich dachte immer Internet gäbe es weltweit, aber nach einer Afrikareise weiß ich es jetzt besser. Freunde, die ich dort kennen gelernt habe, kann ich heute nicht über das Internet erreichen. Unterschiede zwischen der westlichen Welt und den Entwicklungsländern existieren nicht nur im wirtschaftlichen, sondern auch im Bereich der Vernetzung mit Internetanschlüssen. Das trifft nicht nur zwischenmenschliche Beziehungen, sondern raubt den Menschen ohne Anbindung viele Möglichkeiten.

Ein Beispiel ist E-Health – die medizinische Versorgung via Telefon und Internet. Viele ländliche Gebiete haben keine eigenen Ärzte oder Krankenhäuser, so dass hier die Krankversorgung hauptsächlich auf Selbsthilfe basiert. Eine ärztliche Beratung mit Hilfe einer Videokonferenz könnte diese Situation verbessern. Eine weitere Möglichkeit, die in den Entwicklungsländern zu wenig genutzt wird, ist das E-Learning. Durch ein solches Angebot könnte es weit abgelegenen Dörfern möglich werden, aktuelles Lernmaterial zu nutzen und von erfahrenen Lehrern oder Professoren unterrichtet zu werden. Somit könnten Bildungsdefizite beseitigt werden. Auch Bauern könnten das Internet nutzen, um sich Informationen über Dünger und die effiziente Nutzung der Anbauflächen zu beschaffen, was eine gerechtere Anbindung an den Markt und dessen Preise ermöglichen würde. Die Gegenüberstellung derzeitiger und potenzieller Möglichkeiten zeigt die Vorteile des World Wide Web für die Entwicklungsländer, beantwortet allerdings noch nicht die Frage nach der Methode. Deshalb ist es eine Herausforderung für innovative Köpfe, das Informationsnetz der Industrieländer auszuweiten und über den afrikanischen Kontinent zu stricken.

Automatisierung und Datentechnik

Dass die Bedeutung des Internets nicht abnehmen wird, beweist das Moore’sche Gesetz, welches besagt, dass die Leistung von digitaler Übertragungstechnik sich ungefähr alle zwei Jahre verdoppelt. Der technische Wandel, der auch als digitale Revolution bekannt ist, ist nicht aufzuhal- ten. Sollten sich Entwicklungsländer digitaler Technik ver- schließen, würden sie stärker denn je den Anschluss an den Rest der Welt verlieren. In Amerika, Japan und Europa ist die technische Revolution im Bereich der Automatisierung und des digitalen Datenaustausches bereits so weit, dass der nächste Schritt ein Ausbau ähnlich einem „Internet der Dinge“ sein muss. Darunter versteht man, dass Gegenstände der realen Welt unabhängig von Menschen miteinander kommunizieren. Somit wäre eine deutlich höhere Automatisierung erreicht als die, die wir bereits kennen. Für Afrika bedeutet das, dass ein Aufschließen an die Entwicklung der Industrieländer eng damit verbunden ist, schnell den Anschluss an das Internet zu finden.

Vernetzung in Afrika

Erste Projekte zur Vernetzung Afrikas wurden in den 90er Jahren gestartet. Damals wollte man noch das Telefon und nicht das Internet für die Menschen vor Ort erreichbar machen. Da es unrealistisch war jedem ein Telefon bereitzustellen, definierten einige Länder die Vernetzung für sich so, dass jeder Bürger lediglich in einem bestimmten Radius Zugang zu einem Telefon haben sollte. In Südafrika entschied man, dass eine Distanz von 30 Minuten ausreichend sei. In Burkina Faso wurden Telefone installiert, die in einem Umkreis von 20 Kilometern zu erreichen sein sollten. In Ghana bekam jede Siedlung mit mehr als 500 Einwohnern ein Telefon. Das Funknetz für die Telefonkommunikation bereitet den Boden für die Nutzung moderner Technologien und eröffnet Möglichkeiten für Anwendun- gen wie E-Health oder E-Government. Soll jedoch erreicht werden, dass Afrika tatsächlich die technologische Spaltung zwischen den Industrie und Entwicklungsländern schließt, muss der Kontinent auch die modernen, schnellen Breitbandtechnologien adaptieren und somit den flächendeckenden Zugang zum Internet für die Bewohner Afrikas sichern.

Global betrachtet ist diese Herausforderung nicht neu. Laut der UN Development Organisation benötigt die soziale Entwicklung Kanäle mit Hilfe derer Wissen und Erfahrungen ausgetauscht werden können. Es überrascht daher nicht, dass in der Vergangenheit die Anbindung an das Internet für viele Länder in verschiedenen Teilen der Welt ein wichtiger Schritt in ihrer Entwicklung war. Eine Methode, die dabei oft zum Einsatz kam und deshalb auch im Zusammenhang mit Afrika eine besondere Betrachtung verdient, ist das Tele-Center-Konzept. Tele-Center sind vergleichbar mit Internetcafés – lediglich wird selten heißer Kaffee serviert. Dafür können Telefon, Computer, Drucker oder das Internet genutzt werden. Solche Einrichtungen sehen oftmals wie Kioske oder Geschäfte aus und rechnen die Nutzung ihrer verschiedenen Dienstleistungen, in der Regel, stunden- oder halbstundenweise ab. Entstanden ist das Konzept 1985 in Schweden und wurde kurz darauf ebenfalls im Rest Skandinaviens umgesetzt, um den Zugang zur Informationstechnologie zu ermöglichen und zusätzlich das Wissen um den Umgang mit dieser Technik zu verbreiten. Ein weiterer wichtiger Aspekt bei der Einführung war damals die Bekämpfung zu starker Migration von ländlichen Gebieten in die Ballungszentren. In Osteuropa, insbesondere in Ungarn, wurde der skandinavische Ansatz später weitergeführt, indem solche Lokale nicht nur Services im Zusammenhang mit Informationstech- nologie, sondern auch andere Bildungsmaßnahmen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit anboten. In beiden Fällen zeigten sich Erfolge entgegen der Migration in die Städte. In anderen Regionen wurden solche Zentren oftmals eingesetzt, um Arbeitsplätze zu schaffen. In solchen Fällen werden solche Geschäfte nicht, wie in Skandinavien, staatlich finanziert, sondern wirtschaftlich geführt. In vielen Ländern, wie beispielsweise Großbritannien, Frankreich oder den USA, wurde diese Art von Vernetzung zu einem wichtigen Geschäftszweig. Auf dieser Basis entwickelten sich Callcenter sowie das Dialogmarketing. Ein weiteres Land, das aufgrund seiner flächenmäßig relativ geringen Bevölkerung ein Tele-Center-Konzept adaptierte, ist Aust- ralien. Hier werden solche Einrichtungen für weitaus mehr Dinge genutzt als das Internet.

WiBACK als Hoffnungsschimmer

WiBACK ist im Prinzip ein Wireless LAN für sehr große Gebiete und kann Sprache und Daten mit Hilfe kostengünstiger Komponenten über weite Distanzen übertragen.

Zum Beispiel werden lokale Zeitungen herausgegeben. Während die meisten dieser Länder heute einen ausreichenden Grad an Vernetzung erreicht haben, werden Tele-Center-Infrastrukturen in an- deren Ländern nach wie vor weiter ausgebaut. Dies betrifft insbesondere Schwellenländer oder Nah-Schwellenländer wie Indien, Thailand oder Indonesien. Dass der Ausbau notwendig ist, sieht man zum Beispiel daran, dass das auf- strebende aber nach wie vor schwach industrialisierte In- donesien im Jahr 2010 zum zweitgrößten Markt für Face- book aufgestiegen ist. Dass dies nicht gleichzeitig bedeutet, dass Indonesien bereits ausreichend vernetzt ist, lässt sich damit relativieren, dass 67 Prozent aller Internet-Nutzer in diesem Land auf Facebook angemeldet sind und gleichzei- tig nur lediglich 27 Prozent der Bevölkerung das Internet nutzen. Zum Vergleich geht die UN-nahe International Telecommunication Union für Gesamtafrika von einer In- ternetnutzungsrate von 11,5 Prozent aus.

Der afrikanische Markt, bestehend aus rund einer Milliarde potentieller Internetnutzer, ist noch lange nicht erschöpft. Es überrascht daher nicht, dass derzeit rund um Afrika Glasfaserkabel verlegt werden. Das Ziel ist es dem potenziell enormen Datendurchsatz nach aber auch innerhalb Afrikas gerecht zu werden. Bei näherer Betrachtung des Kontinentes fällt auf, dass die Binnenländer im Bereich der Informationstechnologie meist deutlich hinter denen an der Küste zurückbleiben. Ein wichtiger Grund für die schwierige Vernetzbarkeit ist die große Entfernung zu den meist küstennahen Ballungszentren.

Implementierung von Breitbandkommunikation in Afrika

Ein Unternehmen, das sich dem Aufbau von Kommunikationsnetzen zur Vernetzung abgelegener Gebiete Afrikas angenommen hat, ist die Technologieberatung De- tecon Consulting. Detecon entwickelte und verwirklichte eine Variante des Tele-Center-Konzeptes für Afrika, die sich auf bisherige Erfahrungen mit diesem Konzept stützt. In den Staaten der Subsahara wurden unter besonderer Berücksichtigung der für das jeweilige Gebiet spezifischen Umstände Konzepte zu Implementierung von Breitbandkommunikation erarbeitet. Wichtige Faktoren sind dafür die wirtschaftliche Umsetzung, die sozio-ethnischen Aspekte, wie die Akzeptanz der Technologie durch die Nutzer sowie die jeweiligen technischen Möglichkeiten und regu- latorische Anforderungen.

Zur technischen Umsetzung der Projekte hat sich Detecon für die WiBACK-Technologie (Wireless-Back- haul-Technologie), welche am Fraunhofer-Institut für Of- fene Kommunikationssysteme FOKUS entwickelt wurde, entschieden. WiBACK ist im Prinzip ein Wireless LAN für sehr große Gebiete und kann Sprache und Daten mit Hilfe kostengünstiger Komponenten über weite Distanzen übertragen. Von seinem technischen Anspruch kann WiBACK somit irgendwo zwischen den schnellen Glasfaserkabeln und einfachen Radioverbindungen gesehen wer- den. Vorstellen kann man sich die Technologie in Form einfacher Sendeboxen, die auf Masten befestigt sind. Solche Boxen sind dann in der Lage Daten auf „Betreiberniveau“ zu übertragen. Das ist der Anspruch an die Zuverlässigkeit von Übertragungstechnologie, den sich auch deutsche In- ternetbetreiber stellen. Was bedeutet, dass die Technologie einen Standard erfüllt, bei dem lediglich bis zu fünf Minu- ten Ausfallzeit im Jahr zulässig sind. Das entspricht einer Verfügbarkeit von 99,999 Prozent. Dies gilt jedoch nur für die Kommunikation der Sendeboxen untereinander. Die Wi-Back-Boxen sind nicht in der Lage Signale auszusenden, die von handelsüblichen Geräten, wie Laptops empfangen werden können. Stattdessen kann WiBACK beim Aufbau um Komponenten erweitert werden, die das ermöglichen. Ein Vorteil dieser Bauweise ist die spätere Adaptierbarkeit von neuen Übertragungsstandards, wie zum Beispiel 3G oder 4G. So ist die Investition in ein solches System auch dadurch gerechtfertigt, dass zukünftige Technologien nicht zum Ersatz von WiBACK führen, sondern darauf aufbau- en können. Um schließlich das WiBACK-Netz für die Welt erreichbar zu machen, muss man es an das Internet an- schließen. Dazu muss mindestens ein Sendeboxmast eine fixe Verbindung zum Internet-Breitbandnetz besitzen. Das Prinzip ist das gleiche, als würde man den WLAN-Router zu Hause per Kabel an eine Telefondose einstöpseln, um schließlich kabellos Internet empfangen zu können – al- lerdings viel größer. Der Aufbau des Systems funktioniert so, dass ein Mast sich in einem Gebiet mit vorhandener In- ternetanbindung befindet und alle anderen Masten verteilt über das Land stehen, um am jeweiligen Ort das Internet nutzbar zu machen. Die Masten dürfen bis zu 60 Kilometer voneinander entfernt stehen. Die Übertragung kann jedoch, durch in Abständen hintereinander stehende Masten, ohne signifikanten Zeitverlust auf hunderte Kilometer ausgeweitet werden.

Die Anbindung Afrikas an das Internet mit Hilfe von WiBACK, ist ein Schritt in Richtung Chancengleichheit.

WiBACK-Netzwerke sind in der Regel so aufgebaut, dass die Masten mit ihren Sendeboxen nicht einfach hintereinander stehen, sondern gitterartig über das Land verteilt werden. Das erweitert das Gesamtnetz nicht nur in die Breite, sondern bietet auch die Möglichkeit Daten auf unterschiedlichen Wegen zum Ausgangsmast zu sen- den. Sollte eine Box überlastet oder ausgefallen sein, würde WiBACK selbstständig einen anderen Weg zum Ausgangs- mast wählen. Weitere qualifzierende Merkmale für den Einsatz der WiBACK-Technologie in entlegenen Gebieten sind die automatische Konfiguration und Selbstverwaltung der Geräte, die automatische Leistungsanpassung, der niedrige Stromverbrauch und die niedrigen Betriebskosten. Während die autarke Verwaltung der Geräte das Problem nach der Suche von Afrikas IT Experten zur Einrichtung und Wartung der Geräte löst, stellt insbesondere der Stromverbrauch einen großen Vorteil dar, da die Sendeboxen mit Hilfe von Solarpanels und somit unabhängig von externer Stromversorgung betrieben werden können. Denn Steckdosen sind in Urwäldern oder Wüsten ähnlich schwer zu finden wie Internetanschlüsse. Erwähnenswert sind auch die relativ geringen Anschaffungskosten, die sich dadurch begründen, dass das Fraunhofer-Institut vollständig auf den Einsatz kommerzieller Technologien verzichtete und auf Open Source Produkte setzte.

Aus Beratersicht ist WiBACK sehr gut an die jeweiligen Breitbandstrategien der einzelnen Nationen anpassbar. Die Kunden können selbstständig entscheiden mit Hilfe welchen Standards das Internet angeboten werden soll und somit bestimmen, wie schnell die Verbindung sein wird. Es sind mehrere Umsetzungsstrategien bei der lokalen Bereitstellung möglich. Tele-Center können Basisleistungen, wie E-Mail, Chat, Surfen, Internet-Telefonie oder auch spezielle Räume für das E-Learning, Lösungen für E- Health, E-Government oder E-Agriculture anbieten. Es ist auch denkbar, Tele-Center zu Wifi-Hotspots auszubauen und somit den Einwohnern von Dörfern zu ermöglichen, Wireless-LAN von zu Hause aus zu nutzen. Ein anderer Ansatz ist das Tele-Center Konzept auf eine private Basis zu stellen und einen oder mehrere Haushalte direkt mit dem Internet zu verbinden, um diese schließlich als Wifi- Hotspots arbeiten zu lassen.

In den 70er Jahren wurde die „Hypothese der Wissenskluft“ aufgestellt, welche die Ungleichverteilung des überwiegend durch die Massenmedien übertragenen Wissens beschreibt. Demnach wächst die Wissenskluft zwischen Menschen mit unterschiedlichem sozioökono- mischem Status schneller wenn der Informationsfluss sich beschleunigt. Durch die Verbreitung des Internet wurde daraus in den 90er Jahren die Digitale Kluft. Durch den fehlenden Zugang zum Internet ist es vielen Menschen, insbesondere in ländlichen Gebieten der Entwicklungsländer, de facto unmöglich geworden, Anschluss an die viel stärker mit Informationen gefluteten, urbanen Gebiete der Industrieländer zu finden. Zusammen mit dem Moore‘schen Gesetz der sich beschleunigenden technologischen Entwicklung entstünde ohne eine Vernetzung aller Menschen mit Wissen ein rapide größer werdendes Delta. Die Anbindung Afrikas an das Internet mit Hilfe von WiBACK, ist somit ein richtiger Schritt in Richtung Chancengleichheit und be- weist, dass die Idee des World Wide Web wirklich weltweit keine Illusion bleiben muss.

Autor: Alexander König ist Mitglied bei der studentischen Unternehmensberatung Company Consulting Team e.V. in Berlin. (alexander.koenig@cct-ev.de)