Netzwerk und Netzwerkbildung

 

„Und haben Sie gut hergefunden?“ „Ja, danke. Es wurde ja eine exzellente Wegbeschreibung mitgeliefert. Es war ein bisschen knapp, ein Kunde hatte noch eine dringende Anfrage … Sie wissen schon.“ „Ach ja, es ist ja auch immer dasselbe. Und natürlich auch immer an den Tagen, an denen man mal so gar nicht kann. Aber wann hat man schon mal Zeit (lacht).“ Über die Absurditäten des Netzwerkens. Ein Essay.

Smalltalk. Networking. Immer schön lächeln. Interessiert, eloquent und natürlich vollkommen auf Augenhöhe agieren. Man weiß ja nie, wofür es gut ist. Networking-Events wohin man sieht. Sich kennenlernen, austauschen und einfach einen schönen Abend verleben. Auch interne Veranstaltungen in den großen Konzernen und Beratungen zu einem bestimmten Thema, manchmal auch nur zu einem Kicker-Turnier – ein einziges Schaulaufen, ein Sehen und Gesehen werden. Die Networker kommen zusammen und die, die keinen kennen, stehen unbeteiligt daneben. Sie versuchen sich, an ihrem Glas festgekrallt, locker zu geben und nicht daran zu denken, dass sie seit dem Mittagessen einen Fleck auf der Hose haben. Sie hoffen darauf, dass sie irgendwer an- spricht. Fast so wie beim ersten Diskobesuch mit 15, bei dem noch nicht so ganz klar war, was es hier für Möglichkeiten gibt. Man hätte diese ja eh nicht wahrnehmen können, da die Eltern es wohl nicht so lustig gefunden hätten, den Flirt der letzten Nacht aus dem Haus schleichen zu sehen.

„Du bist ein so guter Netzwerker, ich beneide dich darum.“ … kotz. Was sagt das denn bitte aus. Dass man in der Lage ist, oberflächliche Gespräche zu führen? Dass man auch ohne Glas in der Hand durch die Menschenmenge gehen kann und trotz des verlorenen Kicker-Turniers Menschen das Gespräch mit einem suchen? Und was kommt bei diesen Gesprächen raus? Ach, ich finde es ja so unheimlich spannend, was Sie machen, da kann man sich ja ein Beispiel dran nehmen. Ich mache aber auch ganz spannende Sachen. Wir sollten unbedingt in Kontakt bleiben. Schwupps: Ein Xing-Kontakt mehr. Na bravo! Fuck off Netzwerk! Diese lockeren oberflächlichen Bindungen sollen mir wirklich so viel Zeit wert sein? Worum geht es hier eigentlich? Ja okay, unser Arbeitsleben macht acht bis zwölf Stunden unseres Tages aus. Keine Frage: Das ist viel! Und deshalb muss ich mich prostituieren? Ich soll Goffmanns Theorie von dem „Wir alle spielen Theater“ professionalisieren und die Bühne nutzen, um meine Netzwerke genauso zu weben, dass die wichtigen Informationen fließen. Die Informationen, die mir irgendwann den Deal meines Lebens bringen oder den Traumjob verschaffen.

Das sogenannte Sozialkapital wurde seit dem 20. Jahrhundert von verschiedensten Soziologen geprägt und ist wohl die wissenschaftliche Rechtfertigung für Networking. Für Hanifan sind die Vorteile, die aus der Einbettung in gesellschaftliche Strukturen generiert werden, das Sozialkapital. Also immer schön anpassen, den neusten Boss-Anzug im Schrank haben und neben den perfekten Seitenscheitel eine attraktive Blondine mit Perlenohrringen stellen. Gut, Bourdieu hat das noch ein bisschen weiterentwickelt: Sozialkapital ist bei ihm die Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen. Diese sind mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen gegenseitigen Kennens und Anerkennens verbunden. Wie soll ich jetzt jemanden, den ich noch nie gesehen habe und der auch noch einen Fleck auf der Hose hat und schief grinsend in der Gegend rumsteht, anerkennen? Ach ja, es fehlt dann ja auch die Institutionalisierung und die entsteht auch erst dann, wenn ich mit dem Guten mehrfach gesprochen habe. Wir müssen beide zu einer Gruppe gehören, und dass wir beide auf dem gleichen Event rumstehen, ich das aber ohne schiefes Grinsen schaffe, macht uns wohl noch zu keiner Gruppe. Individuelle oder kollektive Investitionsstrategien, die früher oder später zu einem Nutzen führen, die muss ich nun also an den Tag legen und vielleicht doch mit ihm sprechen.

Und dann könnte ich ein Problem bekommen. Denn nach Granovetter wird zwischen strong und weak ties unterschieden – also zwischen starken und schwachen Kontakten. Die Stärke einer Beziehung wird bei ihm an den Faktoren Zeit, emotionale Intensität, Vertrautheit und Gegenseitigkeit gemessen. Wenn ich den Kerl mit dem Fleck auf der Hose anspreche und wir in ein erstes Gespräch kommen, ist das eine schwache Beziehung, also ein weak tie. Burt stellt die These auf, dass strong ties, also die richtig engen Kontakte, wertlos sind. Warum? Na, weil ich die Informationen, die dieser Kontakt hat, wahrscheinlich schon habe. Nun gut! Und was mache ich, wenn ich diesen Menschen, der da in der Ecke steht mit seinem Fleck auf der Hose, plötzlich nett finde? Er hat nämlich heute Mittag das gleiche Mittagessen gegessen wie ich. Da es vollkommen versalzen war, würde er genauso wie ich gerne zwei Bier mehr trinken, aber das geht ja nicht, weil wir noch netzwerken müssen. Er ist nett. Vielleicht sehr nett. Und wir haben Gemeinsamkeiten. Wir sind uns ähnlich. Und wir werden Freunde. Hilfe!

Dann springt nämlich auch noch die gute alte Freundschaftssemantik dazwischen. Schon Aristoteles unterschied zwischen der Tugendfreundschaft, der Lustfreundschaft und der Zweckfreundschaft. Ihm war klar, dass nur die Tugendfreundschaft die wahre Freundschaft darstellt. Diese wiederum kann man aber auch nur mit einem Menschen haben. Dem haben sich auch große Dichter und Denker der folgenden Jahrhunderte, und von denen gab es nach Aristoteles ja einige, angeschlossen. Zum Beispiel Plutarch. Er hat sich die Mühe gemacht einen Text zu verfassen mit dem Titel: „Wie man den Schmeichler vom Freund unterscheidet.“ Ein kleiner aber feiner Überblick wie man auch mit praktischen Tipps und Tricks enttarnt; wer wirklich mein Freund und wer nur ein Netzwerkkontakt mit ökonomischen Absichten ist.

Montaigne hat in einem Essay seinen Freund verteidigt und Loblieder auf ihn gesungen. Derrida und seine „Politik der Freundschaft“ hat zwar keiner verstanden, aber immerhin haben wir noch jemanden aufgetan, der seine Zeit mit diesem Phänomen verbracht hat. Und die großen Philosophen waren sich einig. Es geht um die Exklusivität von Freundschaft. Man kann nur einen oder sehr wenige Freunde haben. Vor allem Plutarch führt das zutreffend aus, wenn er die Frage aufwirft, was wir täten, wenn alle unsere wahren Freunde gleichzeitig unsere Aufmerksamkeit bräuchten. Der eine weil er trauert, der andere weil er sich freut. Dann müssen wir uns entscheiden. Und wir brauchen Freunde im Glück manchmal mehr als in der Trauer, damit sie uns auf dem Boden halten.

Wenn man sich die Netzwerkveranstaltungen anschaut, dann ist da nicht viel mit Boden. Sehen und gesehen werden ist ja nicht alles. Sprechen und gehört werden lautet die Devise. Das Projekt hier, der Kontakt da. Höher, schneller, weiter. Bewunderung von allen Seiten. Und natürlich bewundert man auch den neuen Kontakt, der gerade ein Projekt in Übersee macht. Man weiß ja nie ob man nicht auch mal dorthin möchte, auch wenn grade der Mittelstand in Ostwestfalen-Lippe den eigentlichen Hauptkundenstamm darstellt. Die Nasen in der Luft, aber bitte so unauffällig und pseudo-bescheiden, dass man gerne auch noch Unterstützung oder Engagements auf „Augenhöhe“ in Anspruch nimmt.
Plutarch und Aristoteles haben sich – Gott sei Dank – Lösungen ausgedacht, wie man in diesem oberflächlichen Dschungel der persönlichen Kontakte diesen einen wahren Freund finden kann. Wahre Freundschaft kann es nur zwischen wesensgleichen Menschen geben. Zudem braucht wahre Freundschaft umso länger zum Entstehen, aber dafür ist sie auch beständiger. Freundschaft ein Leben lang. Ah, die Netzwerktheorie meldet sich schnellstmöglich zu Wort: Nach Burt wäre das eine Katastrophe. Lückenhafte Strukturen in sozialen Netz- werken (Achtung: Wir sprechen hier nicht über facebook!) sind die Chance eines jeden Individuums. Die Konfiguration des Netzwerks als Ganzes ist entscheidend. Netzwerklücken zum Beispiel entstehen durch das Nicht-Vorhanden- sein von Beziehungen. Menschen, die es schaffen als einziger einen Zugang zu einem anderen Netzwerk zu erhalten und damit Informationen zu generieren, um sich so einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen, das sind die Gewinner. Wenn ich also einer von dieser Sorte bin – oftmals trifft dies nach Burt auf Entrepreneure zu – dann habe ich brückenbildendes Sozialkapital. Das sollte man auf der nächsten Firmenfeier aufgreifen: Sprechen Sie ruhig mit mir, ich habe brückenbildendes Sozialkapital.

Und so geht sie weiter – die wissenschaftliche Rechtfertigung und Diskussion des Netzworkings. Passen Sie sich an, nutzen Sie Netzwerklöcher, lächeln und winken Sie. Und lassen Sie bloß die Finger von Freunden. Will uns das die Networking-Theorie, die natürlich auch Begründungen findet, warum strong ties ja doch irgendwie auch ganz nett sind, nicht sagen. Warum soll ich mir denn die Mühe machen und prüfen und schauen ob dieser Mensch, dem ich da gerade begegnet bin, wirklich Ähnlichkeiten mit mir hat, meine Werte versteht und teilt und vielleicht auch noch den gleichen Musikgeschmack aufweisen. Oder warum soll ich denn meinen Freund, den ich seit Schulzeiten kenne, noch regelmäßig anrufen, um mich zu erkundigen, was so geht. Den kenne ich doch eh schon in- und auswendig, und was gibt es denn da schon Neues zu erfahren. Diese Zeit kann ich doch viel besser nutzen. Jeden Tag zwei kleine aber feine Xing-Nachrichten an ausgewählte Netzwerkkontakte schreiben. Kurz erkundigen wie es denn so läuft und für ein ach so wichtiges Problem ein kurzes Telefonat anpeilen. Ob es nun stattfindet oder nicht, das ist im stressigen Projektalltag doch unerheblich. Das kennen Sie doch, oder? Und diese Netzwerkveranstaltungen machen doch Spaß. Wo bekommt man denn sonst so häufig gesagt, wie beeindruckend das doch alles ist, was man so macht? Und wo kann man sich so herrlich über steife Menschen in Ecken mit Fleck auf der Hose amüsieren? Oder über diese Typen an der Bar, denen man auf 200 Meter Entfernung ansieht, dass das einzige Thema, um das es sich wirklich dreht, die Frage ist, wer den Größeren hat.

Und bei Freunden? Es ist doch nur einer, vielleicht sind es auch zwei. Diese wahren Freunde. Diese Menschen, die ans Ende der Welt fahren, um dich abzuholen. Diese Menschen, die dir nach einer durchzechten Nacht die Haare aus dem Gesicht halten. Diese Menschen, die ich nach diesem tausendsten nervigen Netzwerkevent anrufen werde, mit denen ich über den Typ da mit dem Fleck auf der Hose lästere und die dann ganz genau wissen was ich meine, wenn ich vom perfekten Seitenscheitel mit der Blondine nebendran erzähle. Dieser Mensch, der weiß wie ich in einem Workshop gestolpert bin und vor der versammelten Mannschaft auf dem Boden lag. Und der Mensch, der weiß, dass ich nun mal spießig und langweilig bin, auf Parties aber immer ganz witzig rüber komme, weil es mir einfach vollkommen egal ist, ob ich mit jedem im Raum gesprochen habe oder nicht. Und der Mensch, der wenn er auf dem gleichen Netzwerkevent ist wie ich, mit mir an der Bar steht und zu mir und meinem Cosmopolitan sagt: „Guck mal, die glauben alle ernsthaft, nur weil Sie heute zusammen feiern und sich zum zweiten Mal in ihrem Leben sehen, Sie wären Freunde. Fuck off Netzwerk! Wollen wir verschwinden?“

Autorin: Sabrina Schell