Haptik als Lebenselixier

Es ist stockdunkel und mucksmäuschenstill – jeden Tag, ununterbrochen. Das Leben von Taubblinden reicht etwa bis in die Fingerspitzen. Sie sind der Schlüssel zur Welt, eine der wenigen Möglichkeiten zur sozialen Interaktion. Mit dem Verlust des Seh- und Hörorgans bleiben den Betroffenen häufig nur rund zehn Prozent der menschlichen Sinneswahrnehmung erhalten. Paradox ist an dieser Stelle, dass es offiziell kein Krankheitsbild gibt, welches „taubblind“ heißt. Taubblinde haben in ihren Dokumenten sowohl den Status „blind“ (woraus mitunter der Umkehrschluss „hörend“ gezogen wird) als auch „taub“ (woraus wiederum „sehend“ geschlussfolgert wird) vermerkt. Darüber hinaus führt die einzelne Behinderung zu einer viel geringeren Lebenseinschränkung als der Ausfall zweier Sinnesorgane.

Während wir uns also darüber Gedanken machen, welches Smartphone das intuitivste Interface hat, ist für Taubblinde die Kommunikation selbst eine unüberwindbare Hürde. Das Dresdner Start-up hapticom setzt an genau diesem Punkt an: Das von den jungen Ingenieuren entwickelte, weltweit erste Telefon für Taubblinde basiert auf der internationalen Braille-Blindenschrift. Das Gerät besitzt eine Anwendungsfreundlichkeit, von der jeder Smartphone- Nutzer nur träumen kann: Sechs Knöpfe, gemäß dem Sechs-Punkte-Format von Braille, mit denen sich durch kombinierte Druckbetätigung das gesamte Alphabet sowie Zahlen darstellen lassen. Weiterhin gibt es eine Leertaste sowie einen achten Knopf auf der Rückseite des Geräts, um in den Wahlmodus zu wechseln. Auch Kurzwahltasten sind der einfachen Handhabung halber integriert. Die Taster sind vom Anwender mechanisch in zwei Richtungen so zu verschieben, sodass sie auf jede Handgröße anpassbar sind. Dadurch ist das Gerät für jeden Taubblinden nutzbar, der die Blindenschrift verinnerlicht hat. Das analoge Empfängergerät nutzt auf gleiche Weise den Tastsinn des Menschen, indem die Nachricht dem Empfänger mittels mechanischer Signale unmittelbar in die Hände geschrieben wird. So ist erstmals eine technisch-haptische Kommunikation in zwei Richtungen möglich.

Während wir uns darüber Gedanken machen, welches Smartphone das intuitivste Interface hat, ist für Taubblinde die Kommunikation selbst eine unüberwindbare Hürde.

Kommunikation ohne Körperkontakt

Was bedeutet dies also für den Betroffenen? Er tastet sich buchstäblich in eine Welt vor, in welcher der bislang zur Kommunikation zwingend erforderliche Körperkontakt zeitweise durch ein Gerät ersetzt werden kann. Der Kreis seiner Kommunikationspartner und die soziale Interaktion kann hierdurch gesteigert werden. Schließlich ist die Technologie auch in Kontakt zu nicht Taubblinden einsetzbar. Hier besitzt der Empfänger eine dazugehörige Software auf dem PC oder dem Handy, auf dem der entschlüsselte Text abgebildet wird. Genauso lässt sich per Tastatureingabe die Antwort über das Empfangsgerät in die Hand der Person mit Behinderung übertragen. Verschiedene Prototypen werden zurzeit an der TU Dresden getestet.

Die Entwickler arbeiten zurzeit mit Designern zusammen, um schließlich ein mobiles Gerät in der Größenordnung eines Handys anbieten zu können.

Letztlich wird das haptische Telefon insbesondere für den Betreuer die Rund-um-die-Uhr-Versorgung deutlich flexibler gestalten. Darüber hinaus kann der Taubblinde zu seinen Angehörigen jederzeit Kontakt aufnehmen und somit das familiäre Verhältnis stärken.

Ein weiterer Lichtblick ist die Ratifizierung einer UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen durch die Bundesregierung im Jahr 2009, bei der unter anderem auf die Bedürfnisse Taubblinder eingegangen wurde. Unter diesen Voraussetzungen könnte dieses Kommunikationsmedium zukünftig den Status eines medizintechnischen Gerätes erlangen und folglich der breiten Masse Betroffener zugänglich gemacht werden.

Weiterhin arbeiten die Entwickler zurzeit mit Designern zusammen, um schließlich ein mobiles Gerät in der Größenordnung eines Handys anbieten zu können. Denn aktuell kann das Telefon noch nicht mit Handlichkeit glänzen – es füllt etwa einen Rucksack. Fakt ist aber, dass es Potential hat, den geschätzten 150.000 Betroffenen in Europa einen Schritt weit aus der Isolation zu helfen.

Autor: Julia Niewind ist Mitglied bei der studentischen Unternehmens- beratung PAUL Consultants e.V. in Dresden. (julia.niewind@paul- consultants.de)